Meine Patientenakte

…beginnt im Alter von 8 Jahren. Einmal im Jahr brachten meine Eltern meinen Bruder und mich für ca. zwei Wochen nach Kassel zu Tante Brunhild. Wir nannten sie insgeheim Brunhilde – die Wilde -, und das ist keinesfalls despektierlich gemeint. Tante Brunhild war einfach anders, ein bisschen durcheinander, aber mit riesigem Herzen und einem ausgeprägten Hang zum „Höheren“. Ihre Wohnung sah aus als wäre vor nicht allzu langer Zeit etwas mittelgroßes darin detoniert und hätte eine beeindruckende Verwüstung hinterlassen, was sie aber nicht davon abhielt die Fransen ihres großen Wohnzimmerteppichs, das sie umgebende Chaos dabei völlig außer Acht lassend, täglich zu kämmen. Ich habe sie von Herzen geliebt und mich immer wahnsinnig darauf gefreut zumindest eine kurze Zeit gemeinsam mit ihr verbringen zu können.

Lange Rede – kurzer Sinn, Tante Brunhild brachte mir das Stricken bei und ich war wie besessen, vom Strickwahn-Virus infiziert. Allerdings kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob ich jemals irgendetwas fertiggestellt habe oder einfach nur um des Strickens willen strickte. Als ich zum Gymnasium kam, stand auch das Fach „Handarbeiten“ auf dem Stundenplan. Ich habe es gehasst! Alle Schülerinnen mussten immer genau das gleiche Teil anfertigen, und – sein wir doch mal ehrlich – welche 10- bis 14-Jährige braucht handbestickte Postkarten (???), weiße Häkelstolas (aufgrund meiner ausgeprägten Verweigerungshaltung war meine selbst meiner Puppe zu klein) oder verkackte Schürzen? Demzufolge war alles was mit Handarbeiten zu tun hatte plötzlich für mich ein Gräuel.

Das änderte sich mit dem Eintreten in die Oberstufe. Plötzlich strickte fast jedes Mädchen – ohne Unterlass oder Ermüdungserscheinungen. Ich durchforstete Strickzeitschriften nach geeigneten Modellen und legte los. Das Fatale daran war, dass ich Maschenproben als überbewertet empfand und so passte der fertige Pullover eigentlich nie richtig. Entweder waren die Ärmel zu kurz, das Halsbündchen zu schlabbrig oder Vorder- und Hinterteil viel zu weit. Das war sehr frustrierend, da ich mich ja die ganze Zeit während des Strickens darauf gefreut hatte zu sehen, wie fantastisch das fertige Teil mir stehen würde. Und mit der Ernüchterung der schlussendlichen Anprobe musste ich erst einmal fertig werden… und das in so jungen Jahren! Wie dem auch sei, ich strickte und strickte auch noch während des Studiums und plötzlich strickte niemand mehr … ich auch nicht!!!

Kleiner gedanklicher Exkurs: Da es sich hierbei um eine Art Tagebuch handelt, kann ich mir auch die Freiheit nehmen, plötzlich aufkommende Gedanken einfach festzuhalten. Ich schreibe und schreibe und muss mich volle Kanne zügeln nicht noch mehr ins Detail zu gehen. Will heißen, das Schreiben macht mir richtig viel Spaß. Dabei müsste ich eigentlich unbedingt mal saugen. Jeder Katzen- oder Hundehaarallergiker würde nach Betreten unseres Hauses mit seinem sofortigen Ableben rechnen müssen. Aber was soll’s – die Tierhaare liegen auch morgen noch rum! Dann sind es sogar noch mehr, lohnt sich also erst richtig!

Viele strickfreie Jahre gingen ins Land –  Beendigung des Studiums, Beruf, das Kennenlernen eines tollen Mannes, Hochzeit, Geburt unseres Sohnes, Hausfrau und Mutter. Meine Stricksucht-Therapeuten waren sehr zufrieden mit mir. Nachdem unser Sohn ca. ein Jahr alt war und ich es tatsächlich geschafft hatte so etwas wie einen Alltag hinzubekommen, ohne jede freie Minute für ein kleines Nickerchen zu nutzen, kribbelte es mir wieder in den Fingern. Was wäre da naheliegender gewesen, als den Kleinen zu bestricken. Also ging ich los, um mir entsprechende Strickzeitschriften zu besorgen. Und was musste ich feststellen? In dem Vierteljahrhundert seit meiner eigenen Geburt hatte sich Kleinkind-stricktechnisch bemerkenswert wenig getan. Eigentlich gar nichts! Ich war mir sicher das eine oder andere vorgeschlagene Modell bereits in alten Fotoalben mit Kleinkindfotos von mir gesehen zu haben. Und die waren zum großen Teil noch schwarz-weiß!!! Also begann ich damit eigene Modelle zu entwerfen – ausgefallene Modelle ohne diesen Alt-Omi-Charme! Kurze Zeit später bestrickte ich nicht nur meinen eigenen Sohn, sondern alle Kinder aus dem Familien- und Freundeskreis. Wer nicht bei drei auf den Bäumen war, hatte einen Pulli an der Backe! Ganz nebenbei – das Design von Kinderpullovern macht unglaublich viel Spaß, weil einfach keine Grenzen gesetzt sind. Welcher Erwachsene will schon einen Pulli mit einem lustigen Elefanten oder niedlichen Pony drauf? In weiser Voraussicht habe ich alle Modelle fotografiert, bevor ich sie verschenkt habe und wer weiß, vielleicht eröffne ich ja mal einen Blog, der sich nur mit dem Stricken von Kinderpullovern beschäftigt. On sait jamais – wie der Franzose sagt.

Dann kam das Leben dazwischen – eine ganze Menge Leben! Für’s Stricken blieb keine Zeit und irgendwann hatte ich meinen einst so innig geliebten Wahn völlig aus den Augen verloren. Ich war clean! Meine Therapeuten lagen sich weinend in den Armen und versicherten sich gegenseitig, dass ihnen ja auch mal das Glück vergönnt sein müsse, einen Patienten vollständig geheilt zu sehen. Was soll ich sagen: „Zu früh gefreut!“

Vor ein paar Monaten, war ich auf dem Dachboden, um irgendwas zu suchen und dabei fielen mir zwei völlig vergessene Kartons in die Augen. Ich öffnete die Kartons und fand darin… Wolle!!! Wolle in wunderschönen Farben, die so lange darauf gewartet hatte endlich von mir bemerkt und verarbeitet zu werden. Durfte ich sie da enttäuschen? Passte mir eigentlich auch sehr gut in den Kram, da ich zu dieser Zeit sehr „modefrustig“ war. Ich mag Mode sehr, aber bei einer meiner seltenen Shopping-Touren war mir wieder einmal aufgefallen, wie eintönig die Mode eigentlich ist. Gehe in ein Kaufhaus und du brauchst kein weiteres mehr aufzusuchen, weil eh bei allen das gleiche hängt. Ich möchte aber gerne etwas Ausgefalleneres, irgendetwas bei dem sich ein zweiter Blick lohnt, etwas buntes, schön symmetrisches und wenn möglich ohne irgendwelche Spitzen oder Zipfel. Nichts mit winzigen angeschnittenen Ärmelchen ohne jeden Sinn oder Halsausschnitten, die so tief sind, dass ich schon beim bloßen Anblick Frostbeulen kriege. Ich habe Wolle, ich kann stricken – worauf noch warten?